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Die neue Taubheit
Die neue Taubheit
Wie die durch sonore Technologien verursachte Zerstreutheit das Zuhören und das Sehen beeinträchtigt.

Übersetzt von Giovanna De Benedetti

Der heutige akustische Kontext ist durch eine Überladung und Verbreitung unendlich vieler akustischen Reize gekennzeichnet. Man könnte einen Zusammenhang finden zwischen der „Dritten Mechanischen Stimme“, wie ich sie schon genannt habe, welche sich durch den verstärkten Laut äußert, und der weitverbreiteten Bewusstseinstrübung, Geistesabwesenheit und Apathie, welche Verkehrs- und Haushaltsunfälle verursachen, Lernschwierigkeiten bereiten und die Arbeitsleistung senken.

Es existiert ein gemeinsamer Taubfaktor, der aus dem Durschnitt vieler Taubfälle entsteht und das Ergebnis einer weitverbreiteten Erhöhung des durchschnittlichen Zuhörniveau ist. Es handelt sich um eine sogenannte „akustische Umweltpathologie“ oder, mit anderen Worten, um eine Störung, woran der Mensch leidet, die aber unabhängig von ihm selbst ist. Sie entsteht durch Mechanismen, welche aus der Umwelt kommen.

Der neue Taube leidet nicht an Beschädigung der Hörzellen, sondern an einer akustischen Überbelastung, welche seinen Körper belastet und mit seinem Denken und Handeln interferiert.

Diese neue Taubheitsform überträgt sich nicht von Mensch zu Mensch. Die „Dritte Mechanische Stimme“ überwiegt Gedanken und Dialoge und behauptet sich als dominierender Lärm. Die LeutePassen sich dieser neuen „Mechanischen Stimme“ an und benutzen infolgedessen eine gemeinsame Kommunikationsweise, die aus lauten Stimmen und unstrukturierten Gesprächen besteht.

Die neue Taubheit bewirkt eine ganze Reihe von Störungen in den sozialen Verhältnissen: unausgeglichene Verhältnisse und motorische Verwirrung unter Leuten, die den selben Raum teilen. Diese Symptome betreffen nicht nur das Hören: im Raum orientieren wir uns durch das Hören und auch durch das Sehen.

Es ist kein Zufall, dass Menschen die an totaler Taubheit leiden, in der Lage sind, mit Hilfe eines rechten Seitenspiegels Auto zu fahren, und durch das Sehen das Lippenlesen und das Lesen der Gesten ausüben können. Aus demselben Grund erkennt der totale Blinde den Raum durch eine eigene „bildliche Darstellung“, die aus der Erfahrung und aus der Rekonstruktion der Umwelt durch das Hören stammt. Dieser Kompensationsprozess findet aber nicht statt, wenn die Taubheit auf Zerstreutheit zurückzuführen ist, da diese auf beide Sinne und auf ihre spezifischen Funktionen wirkt. Man könnte also sagen: „ Wer nicht hört, da er etwas über Kopfhörer hört, sieht auch nicht“.

Die totale Taubheit verursacht eine reduzierte Raumwahrnehmung, die sich auf die vordere Dimension beschränkt. Die Unmöglichkeit, das was sich hinten abspielt zu kontrollieren, führt zu Orientierungslosigkeit und zu einem Erregungszustand. Diese Einschränkung betrifft auch den Menschen, der nicht von der Stille, sondern von dem, was er durch den Kopfhörer hört, umhüllt ist. Typisch dafür ist die Fahrweise des Radfahrers, der entweder zickzackend vorwärtsfährt oder ganz unbekümmert vorbeisaust bzw. der Gang des Fußgängers, der die Neigung hat zu schleudern und mit den anderen zusammenzustoßen. Beide, Radfahrer und Fußgänger, hören nicht und nehmen den Raum in seiner Totalität nicht wahr.

Die Entfremdung und die motorische Unentschlossenheit betreffen mehr oder weniger jedePerson, die an dieser neuen Taubheit leidet. Die Ablenkung und die Betäubung, welche durch die neuen Technologien verursacht werden (seien sie individuell benutzte Mobilprodukte oder Lautsprechersysteme), erzeugen eine disharmonische Kombination von Bewegungen, wo jeder allein ist, taub dem Anderen und der Umwelt gegenüber.

Die Neigung zur neuen Taubheit verstärkt sich ständig, da die durch Lautsprechersysteme verursachte Taubheit sich auf die selbstprovozierte Taubheit addiert. Letztere wird durch Vorrichtungen verursacht, die dem Hörmuschel direkt angeknüpft werden und in der Lage sind, große Musikmengen bzw. Informationen zu speichern, welche mit voller Lautstärke zugehört werden.

Der oben beschriebene selbstprovozierte Isolierungszustand leitet eine totale Massentaubheit ein, welche durch Mobilprodukte (iPod, Kopfhörer) verursacht wird, die in der Zukunft direkt in den Körper eingepflanzt werden könnten und zu einem zunehmend unpersönlichen und robotisierten Kommunikationskontext führen würden.

Die Unaufmerksamkeit, die sowohl auf die Benutzung der Technologien in Übergangssituationen (z. B. wenn jemand beim Fahren telefoniert) als auch auf die Wirkungen einer vorhergehenden Lärmexposition (z. b. zerstreuter Autofahrer, der lange Zeit in einem ohrenbetäubenden Raum verbracht hat) zurückzuführen ist, ist ein Symptom technologischer Zerstreutheit nach kausalen Zusammenhängen, welche die Unfallstatistiken außer Betracht lassen.

In meinem Essay: „Die Neue Taubheit“ schlage ich einen Index hypothetischer technologischer Zerstreutheit vor, indem ich versuche, die Umfälle zu identifizieren, die auf einen durch sonore Technologien verursachten Unaufmerksamkeitszustand zurückzuführen sind. Der obengenannte Zustand tritt vor allem hervor, wenn der Autofahrer sich unerwartet vor Verkehrszeichen, Fahrzeugen oder Fußgängern befindet, wenn die Straße wegen Baustellen gesperrt ist oder im Fall von begrenzter Sichtweite, das heißt in denjenigen Situationen, wo ein Konflikt entsteht zwischen dem Automatismus, welcher den Autofahrer veranlasst, ein Teil seiner Aufmerksamkeit der Unterhaltungstechnologien und der GPS-Anleitungen zu widmen, und der Unberechenbarkeit des Verkehrs. Auch die Straße, die wir mehrmals befahren, ist nie die gleiche Straße.

Nach einer im Essay „Die Neue Taubheit“ eingefügten Studie, haben in Italien zwischen den Jahren 2002 und 2006 Unfälle zugenommen, die auf mangelnde Aufmerksamkeit auf dem realen Kontext und auf die typische Taubheit desjenigen, der Anders zuhört, zurückzuführen sind. Diese Zunahme besteht trotz der Abnahme der Gesamtzahl der Unfälle. Im Laufe der in Betracht genommenen Zeitspanne (um das Jahr 2005) steigt der Konsum von Mobiltechnologien und die Anwendung von Lautsprechersysteme an öffentlichen Orten (Bahnhöfen u. s. w.). Zwischen den Jahren 2002 und 2003 registriert man auch eine beträchtliche Zunahme der Fußgängerunfälle (2001 wurde iPod auf den Markt gebracht).

Während das intime Denken den Individuum ablenkt, ohne ihn daran zu behindern, die aus der Umwelt kommenden Stimuli wahrzunehmen, wirkt die technologische Zerstreutheit auf das Hören und auf die Sichtaufmerksamkeit, indem sie die Wahrnehmung der von draußen kommenden Reize verhindert. Das ist der wichtigste Unterschied zwischen der normalen und der technologischen Zerstreutheit. Letztere kommt aus einer dritten, artifiziellen, dem Individuum fremden Entität, die sich durch die deformierte Stimme von Radio, Telefon, GPS äußert und die jedes natürliche Umweltlärm wie den Schritt eines Menschen, die Anwesenheit eines Radfahrers und eine ganze Reihe von Stimuli deckt, welche in dem aktuellen akustischen Kontext immer mehr ignoriert werden.

Die telefonische Kommunikation erfordert eine beträchtliche emotive Beteiligung: der Fahrer, der am Mobiltelefon spricht, neigt dazu, den Sicherheitsabstand nicht einzuhalten, die Fahrgeschwindigkeit zu steigern bzw. zu verringern und das verursacht Dominoeffekte und macht den Verkehr unsicher und chaotisch. Die Reaktionszeit verlängert sich nicht nur dadurch, dass der Fahrer das Handy in die Hand nimmt, sondern auch dadurch, dass am anderen Apparat einePerson ist, welche gerade durch ihre Abwesenheit die Aufmerksamkeit auf sich zieht. 1 Der reale Kontext rückt leicht in den Hintergrund, trotz der Fahrer sich anstrengt, seine Aufmerksamkeit gleichmäßig zu verteilen und trotz des Freisprechers, der ihm erlaubt, beide Hände auf dem Lenkrad zu halten.

Anders geht es, wenn der Fahrer mit jemandem spricht, der neben ihm sitzt. Die Kontrolle auf der Straße wird in diesem Fall durch die Anwesenheit einer anderenPerson gesteigert statt vermindert.

Vielfältig sind die Gründe, woraus die Aufmerksamkeit eines Autofahrers aus dem realen Kontext abgelenkt werden kann: sie reichen vomPersönlichen Problem, worüber er sich betrübt, bis zur Verwendung von Substanzen, welche die Hirnfunktionen beeinträchtigen. Obwohl die telefonierenden Fahrer zahlreicher sind, als die Fahrer die betrunken am Steuer sitzen, bleibt die technologische Ablenkung in den meisten Fällen eine Tatsache impliziter Legalität. In fast allen Ländern der Welt ist die Benutzung der sonoren Technologien während des Fahrens erlaubt, vorausgesetzt, dass man sich eines Freisprechers oder eines mono-earphone bedient. Der Radfahrer darf einen mono-earphone benutzen und der Fußgänger darf sich jeglicher Audiotechnologie und interaktiver Technologie bedienen. Daraus folgt, dass die Benutzung dieser Technologien nicht strafbar ist, solange nicht festgelegt wird, dass sie Unfälle verursachen und dass sie daher zu verbieten sind. Sollte man das Zuhören lauter Musik beim Fahren verbieten, würde die Zahl der Geschwindigkeitsunfälle senken (die hohe Geschwindigkeit stellt schon heutzutage eine Gesetzübertretung dar). Das Zuhören lauter Musik führt zu Unruhe und zu schnellerem Handeln. Diese Effekte sind bewiesen und werden von zahlreichen Fastfoods als Handelsstrategie benutzt. Die Zerstreutheit auf der Straße wird immer noch als einen zufälligen Faktor behandelt, falls sie nicht durch den Missbrauch von Substanzen oder durch einen besonderenPsychophysischen Zustand verursacht wird. Heute werden weder die sofortigen, noch die nachträglichen Effekte der Kommunikationstechnologien in Betracht genommen.

Es ist Zeit, dass man von den Risiken der sonoren Technologien und des unkorrekten Fahrverhaltens spricht. Die technologische Zerstreutheit sollte man statt harmlos und gesetzlich erlaubt, willkürlich und nicht autorisiert erklären, sowie der Alkoholmissbrauch und die Geschwindigkeitsüberschreitung, wogegen gezielte Gesetze vorhanden sind. Das wäre ein erster Schritt, um gegen die obengenannten Risiken zu wirken und um eine globale Verbesserung der Lebensqualität zu erreichen.

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1Die Reaktionszeit des Autofahrers, der das Handy in der Hand hält, verlängert sich durchschnittlich um den 50% in Vergleich zu der des Fahrers, der unter normalen Bedingungen fährt. Der Fahrer, welcher mit dem Mobiltelefon in der Hand spricht, hat Schwierigkeit, eine konstante Geschwindigkeit zu behalten: er neigt dazu, den Sicherheitsabstand nicht einzuhalten und braucht eine halbe Sekunde mehr als unter normalen Umständen um zu reagieren: Auf einer Fahrtgeschwindigkeit von 110 Stundenkilometer braucht er 14 Meter mehr zum Halten! Die Benutzung des Freisprechers und des mono-earphone obwohl erlaubt, schaltet das Risiko nicht aus: die Reaktionszeit des Fahrers, der mit freien Händen telefoniert, ist beträchtlich höher in Vergleich zu der Reaktionszeit des Autofahrers unter normalen Umständen. Der Erste braucht nämlich 39 Meter zum Halten, der Zweite nur 31 Meter.

 
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